Anwesen Stresemannstraße Mannheim

Anwesen Stresemannstraße MannheimDen meisten Menschen in der Stadt wird der Name kaum noch etwas sagen: Prinz-Wilhelm-Straße. So hieß die heutige Stresemannstraße einst, und um das Jahr 1900 war sie eine der feinsten Adressen in Mannheim. Prachtvolle Bürgerhäuser säumten den Rosengarten und Anwesen, die von ihren wohlhabenden Besitzern in der Übergangsphase von der Gründerzeit zum Jugendstil erreichtet worden waren. Die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten die einstige Pracht im Herzen der Oststadt, hohle Stümpfe und verkohlte Mauerskelette waren meist alles, was die Wucht der Detonationen und die Feuersbrunst danach von ihnen übriggelassen hatten. Nach dem Krieg brauchten die Menschen hier dann vor allem eins: Wohnraum. So mussten die Ruinen oft für einfache Zweckbauten Platz machen  – mit möglichst vielen Geschossen und niedrigen Decken, kaum jemand verschwendete damals einen Gedanken an das Bewahren, an den Wiederaufbau der historischen Substanz. Viele der provisorischen Dachaufbauten aus dieser Aufbruchzeit, meist in einfachster Aufmauerung, sind noch heute zu erkennen. So war es auch in der Stresemannstraße 4, das die Eltern des heutigen Hausherrn Dieter Wipperfürth in den 60er Jahren kauften, um darin das schon 1842 gegründete Tapetenhaus von Derblin weiterzuführen. Herr Wipperfürth hat sich entschlossen, die "Sünden der Vergangenheit" Stück für Stück rückgängig zu machen und das Anwesen aufwendig zu restaurieren und unter denkmalschützerischen Gesichtspunkten zu modernisieren.


Geschmackvolle Ziergiebel

Auffällig ist auf den ersten Blick das Dach – die flache, leicht gewalmte Notkonstruktion aus der Nachkriegszeit musste weichen, ein Mansardendach, gedeckt in altdeutscher Art mit Naturschiefer, erhebt sich nun wieder über dem Haus. Wipperfürth hat sie zusammen mit dem Mannheimer Architekten Peter Keller geplant und entwickelt. Es fügt sich harmonisch mit dem geschmackvollen Ziergiebel und den Gauben zusammen. Liebevoll bis ins Detail zeigt sich nun auch die Sandsteinfassade mit ihren schwungvollen Balkonen. Der ebenfalls aus Mannheim stammende und jetzt in Schwetzingen beheimatete Steinmetz Ralph Eschelbach, ein Meister seines Fachs und Experte für historische Techniken, hat sie von Grund auf restauriert.

Die im Krieg beschädigten Balkonplatten – auch sie aus massivem Sandstein – wurden dabei erneuert und auch an der Unterseite wieder mit dem schwungvollen Design des Originals versehen. Ebenso konnten die alten Balkongeländer gerettet und restauriert werden. "Eine Verpflichtung" sei ihm dieses mehrere Millionen Euro teure Vorhaben gewesen, sagt Dieter Wipperfürth, schließlich war sein Urgroßonkel Thomas Brug um 1900 einer der bekanntesten Mannheimer Architekten und habe etliche Mannheimer Häuser in diesem Stil erbaut. Das in der Stresemannstraße 4 gehörte freilich nicht dazu, sein Standeskollege Reidel zeichnete sich damals für die Pläne verantwortlich. Wipperfürth fühlt sich seiner Heimatstadt verpflichtet. "Die Debatten um den Denkmalschutz im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben in O 4, 4 zeigen, wie wichtig den Menschen solche Erinnerungsstücke sind", als Rendite-Objekt habe er sein Erbe nie gesehen, "nein, aufbauen und abstoßen, das wollte ich nicht".

Die Denkmalschutzauflagen haben ihn nicht abgeschreckt, wie so manchen anderen Bauherren: "Nein, im Gegenteil: Wir haben mit Dr. Monika Ryll von der Mannheimer Denkmalschutzbehörde und mit ihrem Kollegen Dr. Wenz aus Karlsruhe sehr gut zusammengearbeitet, ihre Anregungen und ihre Kompetenz, mit denen sie das Vorhaben begleitet haben, waren für uns sehr wertvoll".

Viele hätten ihn jetzt, da das Gerüst weg ist und den Blick auf die Fassade freigibt, schon gefragt, ob er sein Schmuckstück nicht doch verkaufen wolle – die Antwort des Hausherrn bleibt immer gleich: "auf gar keinen Fall".

Quelle:
Mannheimer Morgen, Artikel von Roger Scholl Schmuckstück aus der Gründerzeit vom 08.06.2012.


Wir waren bei diesem Objekt mit anspruchsvollen Fensterkonstruktionen aus Holz im Dachgeschoss beteiligt.



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